Fr
29
Okt
2010
736 Seiten Autobiografie mit dem Titel "Life" - da kann man nachvollziehen, warum die Stuttgarter Zeitung in Anbetracht des gerade erschienenen Werkes über den Werdegang von Keith Richards von "Drogen und eine(r) Überdosis Leben" spricht. Richards, seineszeichens Gitarrist der Rolling Stones, ist eine Art anatomisches Wunder, lesen wir in dem entsprechenden, erstaunlich ausführlichen Artikel der StZ. Begründet wird das so:
Ginge es nach der herrschenden medizinischen Lehrmeinung, dürfte es dieses Buch nicht geben. Die Tanklastzüge voller Schnaps, die Keith Richards durch seine Kehle gluckern ließ, die ganzen Mohnfelder und Tabakplantagen, die der Kettenraucher und langjährige Heroinist quasi im Alleingang abgeerntet hat, die Säcke voller Koks, Gras und Pillen, die er sich einverleibt hat, die Versehrungen durch den Sturz von einer Leiter in seiner eigenen Bibliothek und einer Kokospalme, von der er auf den Fidschi-Inseln angeblich heruntersegelte: sie hätten ihm längst den Garaus machen müssen. Der Mann, der in anderthalb Monaten 67 Jahre alt wird, muss hohlraumkonserviert sein und darf als anatomisches Wunder gelten.
Der Stern spricht im Zusammenhang mit dem Buch davon, dass es "das beste Buch über den Rock'n'Roll" sei, an dem das so "überaus Symphatische" die "in jedem Satz quellende Leidenschaft Richards' für sein Leben" sei. Ferner heißt es dort:
Richards nimmt einen mit. Wie ein Sammler, der 50 Jahre lang auf der ganzen Welt für sein Lebensmuseum gesammelt hat, führt er mal begeistert, mal andächtig und mal selbst erstaunt durch die vielen Hallen und Zimmer seines Museums. Nirgendwo steht "Bitte nicht anfassen", denn dazu sind die Fundstücke und Schätze, die hier liegen, zu oft benutzt, zu dreckig und nie heilig. Und man ist vielleicht erst auf Seite 183 - und weiß dennoch schon, dass es das beste Buch über den Rock'n'Roll ist, das je geschrieben wurde.
Wir finden, allein diese Rezension ist so ergreifend geschrieben, das man in Leselust gerät.
Der Hörlust kommen wir heute mit der letzten Single der Stones nach. Plundered My Soul erschien im April diesen Jahres. An die legendären Erfolge der britischen Rocker konnte sie zwar nicht anknüpfen, aber Spaß macht sie allemal. Während es in dem Song um eine enttäuschte Liebe und ein Mädel geht, dass die Seele ihres Verlassenen ausgeplündert zurücklässt, kann man im Falle von Richards wohl sagen, dass er nach 50 Jahren Sex, Drugs und vor allem Rock'n'Roll alles andere als ausgeplündert dasteht, und das auch nach 736 Seiten nicht.
Informationen zum Buch:
Keith Richards: Life. Aus dem Englischen von Willi Winkler, Wolfgang Müller und Ulrich Thiele. Heyne Verlag, München. 736 Seiten, 26,99 Euro.