Sa
02
Okt
2010
Ein Verhörer bezeichnet (für gewöhnlich unabsichtlich) falsch verstandene Textteile, beispielsweise aus Liedern oder Gedichten. Textteile, die von Muttersprachlern in ihrer eigenen Sprache falsch verstanden werden, werden auch als Mondegreen bezeichnet. Der Vorgang, bei dem Wörter einer fremden Sprache als gleich klingende Wörter einer anderen, meist der eigenen Sprache interpretiert werden, wird mit dem japanischen Wort Soramimi (jap. 空耳, wörtlich: „leeres Ohr“) bezeichnet.
[Quelle: Wikipedia]
Gleich von mehreren Seiten wurde in der letzten Zeit die Idee an uns herangetragen, einen unserer Newsletter den missverstandenen Songtextzeilen, den sog. Verhörern zu widmen. Dass sich hinter diesem Thema mittlerweile eine ganze Wissenschaft verbirgt (div. Websites, Bücher, etc. inklusive), hatten wir so nicht vermutet. Umso erfreuter waren wir, als wir zu Beginn unserer Recherche feststellten, dass wir aus einer ganzen Fülle an zusammengetragenen Schätzen schöpfen können würden.
Und eines sagen wir euch gleich: Bei all den Newslettern, die wir seit der Initialzündung unserer Seite geschrieben und abgefeuert haben, hatten wir selten so viel Spaß und Grund zum Lachen wie bei unserer heutigen Newsletter-Ausgabe.
Und noch eine Besonderheit birgt dieser Newsletter in sich: Das Verhältnis Text - Videos/Musik wird diesmal ein wenig anders ausfallen. Im Zuge unserer Recherche zum Thema Verhörer und Soramimi taten sich nämlich eine solche Vielfalt an fantastischen Videos und Songs auf, dass wir lieber ein paar Songs mehr ins Programm nehmen und dafür das Redaktionelle ein bisschen kürzer halten. Es geht ja schließlich um die Musik.
Kommen wir zu unserem 1. Video, einer Interpretation des Abendliedes Der Mond ist aufgegangen (Autor: Matthias Claudius) von Pe Werner und Xavier Naidoo.
Von einem wunderbaren Verhörer in diesem Song erzählt uns Autor Axel Hacke in seinem Buch Der weiße Neger Wumbaba.
Wir, die wir immer alle Texte falsch verstehen, sobald wir sie nicht lesen, sondern hören, sobald sie gesungen, gebetet oder sonstwie vorgetragen werden, wir leben in einer rätselhaften, doch auch reichen, poetischen Welt, bevölkert von Wesen, die niemand außer uns auch nur zu kennen imstande ist.
Nehmen wir jenen Herrn, der mich nach einer Lesung ansprach, um mir seine Version von Matthias Claudius' Der Mond ist aufgegangen mitzuteilen. Da heißt es:
"Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar."
Dieser Mann erzählte mir, was in seinen Ohren klang:
"Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Neger Wumbaba."
Der danach benannte Bestseller ist eine empfehlenswerte, da äußerst unterhaltsame Lektüre, aus der wir auch den ein oder anderen Verhörer für unseren Newsletter herausgesucht haben.
Eine weitere, ebenfalls empfehlenswerte Quelle ist ein Artikel im Spiegel, der da lautet: Wer nicht hören will, muss kichern. Auch hier werden lustige Versprecher aufgeführt, von denen wir euch die lustigsten präsentieren werden.
Auch sehr kostbar waren die Leserkommentare, die im Zusammenhang mit diesem Artikel verfasst wurden und in denen sehr ehrlich und selbstironisch Verhörer eingeräumt werden. Auch hieraus haben wir eine Auswahl für euch getroffen.
Hier fanden wir z. B. auch den foldenden Beitrag:
Einer meiner britischen Bekannten hörte als Kind in
einem Kirchenlied immer etwas von einem schielenden Bären
namens Gladly (Gladly, thy cross-eyed bear). In Wahrheit hieß
die Textzeile "Gladly, thy cross I'd bear" (Froh trüge ich Dein Kreuz).
Was haben wir gelacht!
Während sich dieses Kirchenlied nicht als Video finden ließ, hier nun alle anderen Songs, von deren Verhörern wir amüsiert waren, mit den entsprechenden Textzeilen (in der verhörten und der
tatsächlichen Ausführung). Viel Spaß!
Udo Jürgens - Griechischer Wein
Gehört wurde:
Kriech nicht da rein!
Das ist das Blut der Erde...
...dabei heißt es eigentlich:
Griechischer Wein -
das ist das Blut der Erde...
Heinz Rudolf Kunze: Dein ist mein ganzes Herz
Gehört wurde:
Dein ist mein ganzes Herz
Du bist mein Rheumaschmerz/Einlaufschmerz.
Eigentlich heißt es:
Dein ist mein ganzes Herz
Du bist mein Reim auf Schmerz.
The Beatles - Ticket to Ride
Gehört wurde:
She's got a chicken to ride
Der tatsächliche Text lautet:
She's got a ticket to ride
Tina Turner - What's Love Got to Do With It?
Eigentlich heißt es ja:
What's Love Got to Do With It?
What's love, but a second hand emotion?
Hier gab es gleich mehrere Verhörer:
...What's love, but a second handy motion?
...What's love, but a second hand in motion?
...What's love, but just swimmin' in the ocean?
Dieser ist auch sehr köstlich. Und zwar lasen wir in Der weiße Neger Wumbaba:
Bob Marley sang I shot the Sheriff. Herr D. aus Berlin
aber gehört als Musiker einer Rock-Cover-Band an, deren
Angehörige immer wieder diesen Song vortrugen, jedoch
dabei »Eichhörnchen-Sheriff« sangen. »Außer uns und ein
paar eingeweihten Freunden hat dies nie jemand gemerkt.«
Was wohl Eric Clapton, für dessen fette Live-Version wir uns hier entschieden haben, dazu sagen würde?
Und wo wir einmal bei Marley sind, hier direkt noch ein zweiter Verhörer:
Das entsprechende Online-Bekenntnis dazu lautete:
Auch habe ich lange geglaubt, Bob Marley halte Frauen für die Wurzeln alles Übels und sänge »No women, no crime« - ich hielt ihn also für einen verachtenswerten Frauenfeind, bis ich erfuhr, daß der Text eigentlich »No woman, no cry« lautet.
"Agathe Bauer" ist uns an gleich mehreren Ecken begegnet und gilt offenbar gemeinhin als Paradebeispiel für einen Verhörer. Wie man anstelle des I've Got the Power von SNAP! tatsächlich eben diesen Namen zu hören können meint, ist uns allerdings ein Rätsel.
Wo wir einmal bei Namen sind, möchten wir euch auch direkt Frau Anneliese Braun vorstellen, der California Dreaming von The Mamas and the Papas gewidmet wurde. Ihren Namen meinen offenbar einige anstelle des All the leaves are brown zu hören...
Paul McCartney - Hope of Deliverance
Gehört wurde (wenn wohl auch eher mit spaßigen Absichten):
Hau auf die Leberwurst
Dabei singt McCartney eigentlich von
Hope of Deliverance
Percy Sledge singt hier mit Unterstützung von Michael Bolton seinen Riesenheit When a Man Loves a Woman.
Da gibt es doch tatsächlich Leute, die hören da When a man loves a walnut ("Wenn ein Mann eine Walnuss liebt")!
Aaah, einer unserer Favoriten!
Bob Dylan singt in seinem Blowin' in the Wind:
The answer my friend...
Und jetzt kommt's: Manche haben da verstanden: The ants are my friends ("Die Ameisen sind meine Freunde"). Was zu Hippie-Zeiten nicht alles denkbar war...
Und hier ein Verhörer bzw. strenggenommen ein Mondegreen, bei dem wir uns auch an die eigene Nasse fassen:
In The Sun Ain't Gonna Shine Anymore der Walker Brothers wird a deep shade of blue zu...
...Dickschädel-Blues!
Und hier noch ein paar Fundstücke mit O-Ton aus der Onlinediskussion auf den Seiten des Spiegel:
Als das Stück "Unchain my heart" in den Sechzigern erschien (damals noch nicht von Joe Cocker, sondern von Trini Lopez gesungen, vermute ich), hörte ich als Jugendlicher mit damals noch rudimentären Englischkenntnissen anstatt des richtigen Textes "I'm under your spell - like a man in a trance" (sinngemäß: ich bin von Dir wie in Trance versetzt) die eingebildete Zeile "On monday you spell, like a man in a train" (Montags buchstabierst Du wie ein Mann in der Eisenbahn) und dachte mir, dass das montägliche Buchstabieren in Zügen wohl eine englische Sitte sei.
Vor vielen Jahren durfte ich mal am Radio beim Südwestfunk mit anhören, wie sich eine ältere Dame das Lied "Hallo Egon" von Howard Carpendale gewüscht hat.
Gemeint war natürlich Hello Again.
Ich muss immer lachen, wenn ich Aretha Franklins "You make me feel like a natural woman" höre. Jahrelange habe ich immer nur "You make me feel like a mature old woman" verstanden!
Und hier kommt der Verhörer, der uns wohl am meisten zum Lachen gebracht hat - als krönender Abschluss quasi:
Ein Klassiker ist Bonnie Tyler's Klage über ein schlecht vorbereitetes Frühstuck "It's a hard egg, nothing but a hard egg.", erst Jahre später habe ich verstanden, dass sie Herzschmerz hatte - "It's a heartache".
Zwei weitere haben wir noch in peto, die wir allerdings ohne Video und dafür mit Querverweis zu den jeweiligen Sofdies erwähnen:
Mein ewiger Favorit ist "7 Seconds" von Neneh Cherry und Yousou N'Dour.
Den Einsatz singt Yousou N'Dour in seiner Muttersprache: "Boul ma sene, boul ma guiss madi re nga fokni mane...". Ich höre dann immer: "Wollen mal sehen, hol mal die Smarties her...."
...zum Sofdy vom 21. September
Und ob man anstelle von Ein Bett im Kornfeld wirklich Ein Päckchen Cornflakes hören kann, könnt ihr mittels unseres Sofdys vom 13. Juli überprüfen.
Und weil's so schön ist, hier noch das große Finale mit ein paar der lustigsten Verhörern - liebevoll zusammengeschnitten von einem Youtube-Nutzer:
Seit ich das erste Mal darüber schrieb, wie sehr Menschen Liedtexte falsch verstehen [...] , erreichte mich eine solche Flut von Leserbriefen, gefüllt mit Beispielen für falsch verstandene Liedtexte, dass ich nun der Meinung bin: Im Grunde versteht kaum ein Mensch je einen Liedtext richtig, ja Liedtexte sind überhaupt nur dazu da, falsch verstanden zu werden. Aufgabe eines Liedtexters ist es, den Menschen Material zu liefern, damit ihre Phantasie wirken kann...
...so wird Autor Axel Hacke in der Lese-Rubrik des ZDF zitiert. Und wir wiederholen den letzten Satz gerne noch einmal:
Aufgabe eines Liedtexters ist es, den Menschen Material zu liefern, damit ihre Phantasie wirken kann...
Eine tolle Ansage an alle Komponisten und Hörer, oder nicht? Und so hoffen wir nicht nur, dass ihr so viel Spaß mit unserem Newsletter und den Verhörern hattet wie wir, sondern dass ihr auch weiterhin jede Menge Spaß haben werdet mit den Songtexten dieser Welt...was auch immer sie bedeuten mögen und welche Bedeutung auch immer ihr ihnen geben werdet.
Und wenn ihr Lust habt, dann schreibt uns doch in Form eines Kommentars von EUREN Verhörern!
Eure Redaktion von www.sofdy.com /
www.musikdach.de
Musikdach - alles unter einem Dach